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Kritik von innen und außen. Zum Konflikt um die armenische Kirchenleitung

15. Januar 2026

Harutyun G. Harutyunyan

Der bereits seit längerem andauernde Konflikt zwischen dem Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche, Katholikos Karekin II. und dem armenischen Ministerpräsidenten, Nikol Paschinjan hat sich in den letzten Wochen nochmals zugespitzt. Allerdings ist es nun nicht mehr der Regierungschef allein, der das Kirchenoberhaupt kritisiert, sondern auch innerkirchlich hat sich eine Opposition gegen Karekin II. formiert. Dazu zählen einige junge, engagierte Gemeindepfarrer mit ihren Gläubigen sowie elf Hierarchen.

Verhaftungen von vier Hierarchen
Die Spannungen zwischen der Kirchenleitung und der Regierung verschärften sich deutlich nach der Niederlage im Zweiten Karabach-Krieg im Herbst 2020. Die beiden Erzbischöfe von Tawusch und Schirak bezeichneten das Handeln der Regierung sogar als „historischen Landesverrat“ und riefen zum Regierungssturz auf. Daraufhin wurden beide im Sommer 2025 verhaftet. Erzbischof Mikael Ajapahjan, der seinen Aufruf zum Umsturz vor den Richtern bestätigte, wurde bereits Ende September zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Die Opposition bezeichnet dies als „politische Gefangenschaft“.

Zudem wurden im Herbst 2025 zwei weitere Hierarchen verhaftet. Einer von ihnen, Bischof Mkrtich Proschjan von der Diözese Aragatsotn, der ein Neffe von Karekin II. ist, soll seine Geistlichen aufgefordert haben, an den oppositionellen Demonstrationen teilzunehmen bzw. bei den Wahlen gegen Paschinjan zu stimmen. Sein Assistent, Priester Garegin Arsenjan, soll die Geistlichen sogar aufgefordert haben, sich in den geistlichen Gewänden an den Demonstrationen zu zeigen, sich vor Ort fotografieren zu lassen und anschließend die Bilder an eine eigens dafür erstellte Whatsapp-Gruppe zu schicken. Außerdem sollen die beiden – so die staatliche Untersuchungskommission – große Geldsummen aus der Kirchenkasse entwendet haben. Erzbischof Arschak Chatschatrjan, dem Kanzler von Etschmiadzin und Unterstützer der politischen Linie von Karekin II., warf die Staatsanwaltschaft ein Drogenvergehen vor. Für einen zusätzlichen Skandal sorgte die Verbreitung eines Sexvideos, auf dem angeblich der Erzbischof zu sehen war.

Umstrittene Reise des Katholikos nach Minsk
Der persönliche Konflikt zwischen Ministerpräsident Paschinjan und Katholikos Karekin II. eskalierte im Frühjahr 2025, als letzterer nach Minsk reiste und dort demonstrativ mit allen Ehren vom belarusischen Diktator Alexander Lukaschenka empfangen wurde. Nachdem Lukaschenka im Frühjahr 2021 nach Baku gereist war und dem aserbaidschanischen Machthaber Ilham Aliyev zum Sieg im zweiten Karabach-Krieg als „großen Schritt zum nationalen Traum“ gratuliert und im Mai 2024 erneut die aserbaidschanische Hauptstadt besucht hatte, gab die Regierung Paschinjan bekannt, dass sie keinen Botschafter nach Minsk entsenden werde, solange Lukaschenka im Amt sei. Zudem würden weder Paschinjan noch andere armenische Amtsträger in die belarusische Hauptstadt reisen.

Vor diesem Hintergrund wurde die Reise von Karekin II. nach Minsk vom 16. bis 19. Mai 2025 von der Regierung als Provokation aufgefasst, und von regierungsnahen Kreisen als „Landesverrat“ bezeichnet. Zum gleichen Zeitpunkt fand zudem am 18. Mai die Amtseinführung von Papst Leo XIV. statt, bei der auch zahlreiche Vertreter anderer christlicher Konfessionen anwesend waren. Statt ebenfalls nach Rom zu reisen und mit anderen Christen zusammen zu feiern, bevorzugte der Katholikos jedoch die Zusammenkunft in Minsk. Die postsowjetische Symbolik und die Message an die armenische Regierung ließen sich nicht übersehen.

Paschinjan und mehrere Abgeordnete seiner Partei wiesen darauf hin, dass die Kirchenleitung bis Ende 1980er Jahre sehr stark von der Sowjetmacht unterwandert war. Seit seinem Amtsantritt 1999 sei auch Karekin II. von Russland beeinflusst. Der Nationale Sicherheitsdienst Armeniens gab zudem bekannt, dass Erzbischof Ezras Nersisjan, der Bruder des Katholikos und Leiter der Diözese von Russland und Neu Nachichtschewan, von 1986 bis 1988 unter dem Spitznamen „Karo“ mit dem KGB zusammengearbeitet haben soll.

Zunehmende innerkirchliche Kritik am Katholikos
Nach der ersten Phase einer Schlammschlacht zwischen dem Ministerpräsidenten und treuen Anhängern des Katholikos in den sozialen Medien im Frühjahr 2025 gab es eine kurze Beruhigung während der Sommerpause. Doch anschließend kehrte der Konflikt mit neuer Heftigkeit in die Öffentlichkeit zurück, da nun nicht mehr nur Paschinjan, sondern auch Geistliche die Kirchenleitung kritisierten. Der erste und bekannteste war Pfarrer Aram Asatrjan aus dem Dorf Hovhanavank in der Diözese Aragatsotn, in der Bischof Proschjan die Geistlichen zur Teilnahme an Demonstrationen gegen die Regierung aufgefordert haben soll. Als aktiver und beliebter Geistlicher wagte er, offen über die Missstände in der Kirchenleitung zu sprechen, nachdem er – laut eigenen Angaben – mehrfach von seinen Vorgesetzten ermahnt und sogar erniedrigt worden sei.

In den sozialen Medien schrieb Pfarrer Aram zunächst, dass die Kirche „wie auch jede Familie Versuchungen ausgesetzt ist. Innere Widersprüche führen zu Spaltungen, die die Hauptprinzipien der Kirche, insbesondere die Einheit, gefährden […] Wir alle wissen, dass geistliche Autorität nicht von persönlichen oder Gruppeninteressen geleitet werden darf. Sie darf auch nicht von weltlichen Interessen und Einflüssen abhängig gemacht oder versklavt werden, seien sie politischer oder finanzieller Art […]. Kirchenführer sind daher berufen, nicht ihren eigenen Interessen zu dienen, sondern dem Willen Gottes und dem geistlichen Wohl der Gläubigen. Wenn dieses Bewusstsein verschwindet, sind wir [als Gemeindepfarrer] verpflichtet, uns zu Wort zu melden, um die Reinheit unseres Glaubens und unserer heiligen Traditionen zu bewahren. […] Der Dienst eines Geistlichen erfordert nicht nur rituelle Funktionalität oder die Ausübung von Macht und Autorität in der Kirche, sondern auch Hingabe, ein vorbildliches Verhalten und Fürsorge für jeden einzelnen Gläubigen, insbesondere für die Geringsten. […]

Es geht um die Gesundheit unseres Glaubens, die Heiligkeit der Kirche und unsere Zukunft. Deshalb appelliere ich an uns alle: Alle Priester zu schützen, die mit aufrichtigem Herzen und ohne Eigennutz dienen. […] Unsere kirchlichen Autoritäten zu ermahnen und zu fordern, dass sie gemäß der Hl. Schrift und den kirchlichen Vorschriften handeln. Klare, transparente und faire Mechanismen zu schaffen, die die Rechte der Geistlichen schützen und verhindern, dass diejenigen Geistlichen, die Gott und den Menschen selbstlos dienen, ohne stichhaltige Beweise bestraft, entlassen oder unterdrückt werden. […] Ein modernes, transparentes und gerechtes Leitungssystem ist unerlässlich, um die Rechte der Priester in ihrem Dienst zu schützen und ungerechtfertigten Druck auf sie durch die geistliche Autorität eines Bischofs oder eines anderen Kirchenvertreters zu verhindern.“

In einem Interview mit dem staatlichen Fernsehen bestätigte Asatrjan, dass die meisten Geistlichen aus seiner Diözese gegen ihren Willen zu den oppositionellen Demonstrationen geschickt wurden. Danach begannen auch andere Priester über den Vorfall zu sprechen. Sie äußerten den dringenden Bedarf nach arbeitsrechtlichen und kirchenrechtlichen Schutzmechanismen für die Geistlichen, da die Armenische Kirche bis heute keine allgemeingültige Verfassung besitzt, sondern die Kirchenleitung nach ihrem Gusto entscheide. Laut dieser Gruppe von jungen Geistlichen ist es dringend notwendig, ein vom Katholikos unabhängiges kanonisches Disziplinarorgan innerhalb der Armenischen Apostolischen Kirche zu schaffen. Dieses müsste anders als der heutige „Schein-Disziplinarausschuss“ organisiert sein, der oftmals ungerechtfertigte Sanktionen bis zur Laisierung mit falschen Begründungen beschließe. Stattdessen müssten klare Regelungen eingeführt werden, die ein faires kirchliches Verfahren und die Möglichkeit einer Berufung vorsehen. Zudem sei es längst überfällig, Beratungs- und soziale Unterstützungsdienste für die persönliche und berufliche Entwicklung der Kleriker vor allem in wirtschaftlich schwachen Regionen einzurichten.

Paschinjan reagierte auf die öffentliche Kritik der Geistlichen, indem er als Zeichen der Unterstützung seine Teilnahme an der Liturgie im Kloster von Hovhanavank ankündigte. Die Kirchenleitung reagierte mit der Absetzung und Laisierung von Pfarrer Asatrjan. Paschinjan besuchte dennoch mit mehreren Tausend Anhängern den Gottesdienst und empfing sogar persönlich die Kommunion von Asatrjan. Seitdem besucht Paschinjan jeden Sonntag eine andere Kirche, in denen oppositionelle Geistliche wirken. Der Name von Karekin II, wird in diesen Kirchen während der Liturgie nicht mehr erwähnt. 

Nachdem zwei weitere Gemeindepfarrer von der Kirchenleitung in Etschmiadzin laisiert worden waren, und der Skandal um das Sexvideo mit Erzbischof Chatschatrjan im entsprechenden Kirchenausschuss nicht geklärt worden war, meldeten sich Anfang Dezember zehn Hierarchen zu Wort und forderten schließlich sogar den Rücktritt des Katholikos. Ihnen angeschlossen hat sich mittlerweile auch Gusan Altschanjan, Vikar der Diözese der Armenischen Kirche von der Schweiz. Das (un-)erwartete Auftreten dieser Erzbischöfe und Bischöfe und ihr Ruf nach Reformen mit Selbstreinigung und Reue könnte zum kirchlichen Gamechanger zu werden.

Ein zweiter Teil zum andauernden Konflikt in und um die Armenische Apostolische Kirche erscheint in der nächsten NÖK-Ausgabe.

Harutyun G. Harutyunyan, Dr. theol. Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der Theologischen Fakultät der Staatlichen Universität Jerewan, Armenien

Bild: Am 18. Dezember reichten Bischöfe in Anwesenheit vieler Gläubiger ihre Aufforderung zum Rücktritt des Katholikos am Sitz der Armenischen Apostolischen Kirche ein. (Foto: Harut Harutyunyan)