Frankreich: Russische Orthodoxe Kirche nimmt Oberhaupt des Pariser Exarchats auf

Die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) hat Erzbischof Jean (Renneteau), das Oberhaupt des Erzbistums der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa, aufgenommen und ihm den Titel „von Dubna“ verliehen. Die Aufnahme gilt auch für alle Geistlichen und Gemeinden des Erzbistums, die ihm folgen möchten. Zugleich wurde Erzbischof Jean die Administration der betreffenden Gemeinden übertragen.

Die Entscheidung wurde am 14. September vom Hl. Synod der ROK getroffen, damit ging dieser noch am gleichen Tag auf ein Bittschreiben von Erzbischof Jean ein. Sein Vorgehen begründete Jean in einem Kommuniqué an das Erzbistum damit, dass an der Generalversammlung im Februar 93 Prozent der Delegierten dafür gestimmt hatten, das Erzbistum als Ganzes zu erhalten. „Unermüdlich“ sei seither nach einer Lösung gesucht worden, aber die Generalversammlung vom 7. September habe das Erzbistum in einem „Zustand der Erstarrung“ zurückgelassen. Bei der Versammlung hatte sich eine Mehrheit von 58 Prozent für die Eingliederung ins Moskauer Patriarchat ausgesprochen, die nötige Zweidrittelmehrheit war jedoch verfehlt worden.

Nötig ist die Neuausrichtung, weil das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, als dessen Exarchat das Erzbistum mit Sitz in Paris funktioniert hatte, im November 2018 den Exarchatsstatus überraschend aufgehoben hatte. Die von Konstantinopel angeordnete Eingliederung der einzelnen Gemeinden des Exarchats in die lokalen Metropolien des Ökumenischen Patriarchats hatte der Diözesanrat des Erzbistums zurückgewiesen.

Nun sei er nach erneutem Studium der Statuten zum Schluss gekommen, dass sie die „pastorale Frage einer kanonischen Angliederung“ nicht regeln könnten, schreibt Jean. Ihm als Erzbischof werde „die schwere Verantwortung übertragen, in letzter Instanz Entscheidungen zu treffen“. Im Kommuniqué skizzierte er seine Überlegungen und die vorangegangen Versuche, eine Einigung mit der Russischen Auslandskirche, der Orthodoxen Kirche in Amerika, der Rumänischen Orthodoxen Kirche und dem Ökumenischen Patriarchat zu erzielen. Diese waren erfolglos geblieben. So hatte es die Rumänische Orthodoxe Kirche abgelehnt, das Erzbistum als solches zu integrieren, sondern lediglich angeboten, einzelne Kirchen und Gemeinden aufzunehmen. Da sein Auftrag die „Bewahrung des Erzbistums“ sei, komme nur die Eingliederung in die ROK infrage, da diese gewillt sei, ihre Statuten so anzupassen, dass sie das Erzbistum mit seinen organisatorischen und liturgischen Besonderheiten als Ganzes aufnehmen kann. Zudem hätten sich zahlreiche Geistliche und Laien für diese Option ausgesprochen. Nun will Erzbischof Jean möglichst bald eine Pastoralversammlung abhalten, damit die Geistlichen seine Entscheidung bestätigen können.

Am 15. September feierte Erzbischof Jean den ersten Gottesdienst als Teil der ROK. Angeblich war die Alexander-Nevski-Kathedrale in Paris gut besucht und die Gläubigen hätten Jean für die „lang ersehnte Entscheidung“ gedankt. Kurz darauf kam das Gerücht auf, Erzbischof Jean sei zu einem Vikar von Patriarch Kirill erhoben worden. Dies dementierte die ROK umgehend. Jean „ist und bleibt der leitende Erzbischof seiner Gemeinden. Er ist kein Vikar“, betonte der stellv. Leiter der Administration des Moskauer Patriarchats, Bischof Savva (Tutunov), auf seinem Telegram-Kanal.

In der ROK ist die Freude über die erwartete Integration der Mehrheit der Gemeinden des Pariser Exarchats groß. So kommentierte Erzpriester Nikolaj Balaschov, stellv. Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, die Entscheidung des Synods sehr erfreut. Ein „langer Weg zurück nach Hause nähert sich der Vollendung“, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax. Patriarch Kirill telefonierte noch am 14. September mit Erzbischof Jean, um seine Freude über das „historische Ereignis“ auszudrücken, Jean zu gratulieren und ihm für seine „weise Leitung“ zu danken.

Möglich geworden sei dieses „wunderbare Ereignis“, die „Wiedervereinigung des letzten Bruchstücks des russischen Auslands mit dem Moskauer Patriarchat“, weil sich die ROK „in den letzten Jahren radikal verändert hat“, erklärte Patriarch Kirill. Zudem habe sich Russland enorm verändert, was für die Vereinigung ebenfalls unabdingbar gewesen sei. Nur dank der Veränderungen im Land und in der Kirche sei die Vereinigung möglich geworden. Diese seien das Resultat einer „riesigen Arbeit“ des ganzen Volkes. Die „Rückkehr des Exarchats in den Schoss der Mutterkirche“ schließe die „Teilung der russischen Kirche im Ausland, die Aufspaltung der Russen, die im Ausland leben“ ab. Sie könnte sogar „der letzte Akt“ sein, der „das Drama der Revolution, des Bürgerkriegs, der Aufteilung unseres Volks“ beende.

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