Russland: Ehemaliger Geistlicher zu Haftstrafe verurteilt

In St. Petersburg ist Ioann Kurmojarov, ein ehemaliger Geistlicher der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK), wegen der Verbreitung von angeblich falschen Informationen über die russischen Streitkräfte verurteilt worden. Er muss für drei Jahre ins Gefängnis und darf zwei Jahre lang keine Websites verwalten. Die Anklage hatte sieben Jahre Haft gefordert, aber die Verteidigung machte erfolgreich mildernde Umstände geltend, da sich der Angeklagte schuldig bekannt hatte.

Die Untersuchung gegen Kurmojarov war im Juni 2022 nach einer Hausdurchsuchung eröffnet worden, Grund war ein Video mit dem Titel „Wer kommt in die Hölle und wer in den Himmel?“, das er im März 2022 in den sozialen Medien publiziert hatte. Dabei griff er auch eine Aussage des russischen Präsidenten Vladimir Putin auf, dass die Russen als Märtyrer in den Himmel kommen würden, während die anderen „einfach krepieren“ würden. Vom 8. Juni 2022 an befand sich Kurmojarov ohne Unterbrechung in Haft, sie wurde jeweils nach ein paar Monaten um weitere Monate verlängert, obwohl er sich Anfang 2023 über gesundheitliche Probleme beklagt hatte. Von der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial wird er als politischer Gefangener anerkannt.

Im Verlauf des Verfahrens wurden Dutzende weitere Videos untersucht, in denen Kurmojarov über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine spricht. Außerdem hat er im russischen sozialen Netzwerk VK zu Protesten gegen den Krieg aufgerufen. In der Abschlussverhandlung bezeichnete Kurmojarov die Argumente der Anklage als tendenziös. Zudem berücksichtigte sie nicht, dass seine Handlungen von religiösen und pazifistischen Motiven geleitet gewesen seien.

Ioann Kurmojarov macht nicht erst durch kritische Aussagen zum Krieg auf sich aufmerksam. Bereits 2020 kritisierte er die neue Hauptkathedrale der russischen Streitkräfte der ROK in der Nähe von Moskau, da in ihren Fresken unter anderem NKVD-Offiziere und sowjetische Soldaten abgebildet sind. Daraufhin verbot ihm die Eparchie Novosibirsk, wo er am orthodoxen Seminar unterrichtete, für zwei Monate das Priesteramt auszuüben. Obwohl das Verbot fristgerecht aufgehoben wurde, musste Kurmojarov laut eigenen Angaben die Eparchie verlassen. Anfang 2021 veröffentlichte er einen offenen Brief an den russischen Verteidigungsminister Sergej Schojgu, in dem er die Entfernung der „kommunistischen Fresken“ forderte. Nachdem das Verteidigungsministerium dies abgelehnt hatte, verlangte er erfolglos von den Justizbehörden eine Untersuchung unter anderem aufgrund der Verletzung religiöser Gefühle von Gläubigen. Im April 2022 wurde ihm die Priesterwürde aberkannt. (NÖK)

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