Polen: Bischofskonferenz ernennt PiS nahestehenden Historiker zum Vorsitzenden der Missbrauchskommission
Der Krakauer Historiker Piotr Franaszek ist von den polnischen Bischöfen zum Vorsitzenden der Kommission unabhängiger Experten zur Untersuchung sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen in der katholischen Kirche ernannt worden. Dies teilte die Polnische Bischofskonferenz nach ihrer Vollversammlung vom 22.-24. Oktober mit. Die Bischofskonferenz hatte die Kommission bereits im März 2026 offiziell eingerichtet. Weiterhin unklar ist, wer die weiteren Mitglieder der Kommission sind und wann sie ihre Arbeit aufnimmt.
Franaszek ist emeritierter Geschichtsprofessor an der Jagiellonen-Universität in Krakau, seine Forschungsschwerpunkte sind die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 2016 wählte ihn der Sejm in das Kollegium des Instituts für Nationales Gedenken (IPN), dem er bis 2023 angehörte, ab 2019 als stellv. Vorsitzender. Von 2006 bis 2010 saß Franaszek für die konservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) im Krakauer Stadtrat. 2023 wurde Franaszek vom polnischen Präsidenten mit dem Ritterkreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens ausgezeichnet, „für herausragende Verdienste in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre sowie für die Verbreitung des polnischen wissenschaftlichen Denkens in der Welt“. Franaszek ist jedoch noch nie in Zusammenhang mit der Missbrauchsthematik in Erscheinung getreten.
Gegenüber der Katholischen Informationsagentur (KAI) zeigte sich Franaszek überrascht über die Anfrage von Erzbischof Wojciech Polak, dem Delegierten der Bischofskonferenz für den Schutz von Kindern und Jugendlichen Er habe erst nach reiflicher Überlegung zugesagt. Bis im März 2027 wolle er die zentrale Arbeitsgruppe mit 10 bis 12 Personen zusammenstellen, und danach in allen Diözesen Untergruppen bilden, die vor Ort die Untersuchungen gemäß einer gemeinsamen, bis im Juni 2027 zu erarbeitenden Methodologie durchführen sollen. Dabei wolle er sich auch an den Erfahrungen der bereits bestehenden Kommission der Erzdiözese Sosnowiec orientieren wie auch an den Erfahrungen entsprechender Kommissionen in Frankreich und Deutschland. Für die gesamtpolnische Untersuchung der Fälle von 1945 bis 2026 würden sowohl kirchliche Unterlagen als auch Materialien des Instituts für Nationales Gedenken konsultiert. Franaszek betonte, dass „wir uns jedoch nicht auf Archive beschränken dürfen. Es wird auch wichtig sein, die Betroffenen zu erreichen, die noch leben und über ihre Erfahrungen berichten können. Wir brauchen Fachleute, die solche Gespräche mit dem nötigen Feingefühl und Sachkenntnis führen können.“ Das schwierigste Problem sei seiner Ansicht das Feststellen der Zuverlässigkeit von Aussagen, die widersprüchlich seien und für die keine Beweise vorlägen. Klar sei, dass jeder Fall eine gründliche Untersuchung erfordere, ohne die Opfer von vornherein anzuzweifeln.
Ziel des Berichts ist laut Franaszek nicht nur die Feststellung, welche Fälle sexuellen Missbrauchs stattgefunden haben, sondern auch eine Untersuchung der Art und Weise, wie die zuständigen Vorgesetzten, insbesondere die Bischöfe, auf diese reagiert hätten. Die Ergebnisse der Untersuchungen sollten dazu beitragen, Leitlinien für die gegenwärtigen Seelsorger zu formulieren. Mit ersten Resultaten rechnet Franaszek im Laufe des Jahres 2029. Mit Blick auf die Unabhängigkeit der Kommission erklärte Franaszek, dass eine gewisse organisatorische Abhängigkeit von der Katholischen Bischofskonferenz bestehe, doch müsse die Kommission die Freiheit haben, das Material zu analysieren und eigene Feststellungen zu treffen: „Vor uns liegt eine sehr schwierige Aufgabe, die sowohl Ereignisse aus längst vergangenen Jahrzehnten als auch Angelegenheiten betrifft, die heute lebende Menschen betreffen. Die Kommission muss die Methoden der Geschichtswissenschaft mit dem Fachwissen von Experten aus anderen Bereichen verbinden und dabei gleichzeitig die Rechte und die Würde aller Personen achten, die von den Untersuchungen betroffen sein werden.“
Zbigniew Nosowski, Chefredakteur der katholischen Zeitschrift Więż, kommentierte die Wahl zurückhaltend, weil Franaszek in seiner ersten Stellungnahme wichtige Kommunikationsfehler begangen habe: An erster Stelle habe er die anstehende harte Arbeit vor jedem Bezug auf das begangene Unrecht erwähnt, über das Risiko erfundener Anschuldigungen gesprochen und kein Wort über die Opfer verloren. Letzteres vermisste Nosowski auch bei Erzbischof Tadeusz Wojda, dem Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz, und Bischof Sławomir Oder, der seit Juni 2025 Leiter der bischöflichen Arbeitsgruppe für die Einsetzung der Kommission ist. Zudem habe Franaszek zu zwei noch nicht gänzlich geklärten Fällen (u.a. zum Danziger Solidarność-Pfarrer Henryk Jankowski) bereits eine abschließende, die Opfer diskreditierende Meinung geäußert.
Nosowski lobt jedoch auch Franaszeks Hinweis auf die vielen noch nicht bekannten Missbrauchsfälle sowie die Forderung, vollständigen Zugang zu den kirchlichen Archiven zu erhalten. Bischöfe, die dies verhinderten, würden im Schlussbericht genannt. Von Franaszeks Bestehen auf unabhängiger Forschung werde vieles abhängen, zumal es auch gegenüber dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Tadeusz Wojda, Vorwürfe gebe, das Thema zu vernachlässigen: „Um es ganz offen zu sagen: Wird Franaszek in der Lage sein, die Vorwürfe gegen den Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz, die das Gründungsorgan der Kommission ist, realistisch und wirksam aufzuklären?“ Es gebe aber auch in der polnischen Erfahrung ein positives Beispiel: Der Vorsitzende der Staatlichen Kommission zur Aufklärung von Fällen von Handlungen gegen die sexuelle Freiheit und die Sittlichkeit gegenüber Minderjährigen unter 15 Jahren, der Mitglied des rechtskonservativen Instituts Ordo Iuris ist, sei in dieser Angelegenheit seinem Gewissen und nicht seinem politischen Umfeld treu geblieben.
Regula M. Zwahlen

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