Serbien: Kirche geht gegen kritische Theologen vor
Die beiden serbischen Theologen Vukašin Milićević und Blagoje Pantelić sind vom Kirchengericht der Serbischen Orthodoxen Kirche (SOR) vorgeladen und befragt worden. Sie mussten am 6. und 7. August im Erzbistum Belgrad und Karlovci, das vom serbischen Patriarchen Porfirije geleitet wird, erscheinen. Den Grund dafür sehen die beiden in ihren kritischen Äußerungen über die Kirchenführung und deren Nähe zur Regierung. So unterstützen Milićević und Pantelić die seit November 2024 andauernden Proteste, die vom Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad ausgelöst wurden. Bei den Demonstrationen, die von Studierenden initiiert wurden, werden der Regierung Korruption und Schlamperei vorgeworfen sowie funktionierende Institutionen und demokratische Prozesse gefordert.
Das Kirchengericht hat die Vergehen der beiden Theologen nicht veröffentlicht. Normalerweise beschäftigt es sich mit Anschuldigungen gegen Geistliche, Mönche und Gläubige sowie mit administrativen Angelegenheiten wie der Scheidung von kirchlichen Ehen. Pantelić, Redakteur beim serbischen theologischen Portal teologija.net, berichtete Radio Slobodna Evropa (Radio Free Europe), dass ihm die Vorwürfe gegen ihn nicht mitgeteilt worden seien, sein Anwalt durfte entgegen dem kanonischen Recht nicht bei der Befragung anwesend sein. Vor der Befragung wurde er von seiner Eparchie Vranje ins Erzbistum Belgrad-Karlovci versetzt, ohne darüber informiert worden zu sein. So kann der Patriarch selbst über ihn urteilen.
Pantelić sei gefragt worden, ob er sich schuldig fühle, weil er die Bischofsversammlung, den Hl. Synod und den Patriarchen „angegriffen und beleidigt“ habe, und ob er sich bewusst sei, dass er gegen Kanones verstoßen habe. Auf Nachfrage konnte ihm der Bischof, der ihn befragte, die betreffenden Kanones nicht nennen. Pantelić zweifelt jedoch nicht daran, dass der Grund für die Befragung die „Wahrheit, die ich über die Menschen, die heute unsere Kirche leiten, gesagt habe“, sei. Diese seien einen „Pakt mit dem kriminellen Regime“ eingegangen, der die Verteufelung der Studentenproteste und ihrer Unterstützer beinhalte. Mit seiner Kritik wolle er die Institution des Episkopats vor den Bischöfen „retten“, die ihre Position in der SOK missbrauchten. Die Kirchenleitung versuche, die „Freiheit aus der Kirche zu vertreiben, damit sie ungestört weiter Macht, aber auch Geld akkumulieren kann“, so Pantelić.
Schon vor den Befragungen wurde beiden Theologen die Teilnahme an der Kommunion verboten. Dazu sagte Vukašin Milićević, wenn der Preis für den Empfang der Kommunion sei, „unterwürfig den Kopf vor dem Bösen, das unsere Gesellschaft verwüstet hat, zu neigen, dann verliert die Kommunion jeglichen Sinn“. Wegen seiner kritischen Äußerungen verlor Milićević schon früher seine Stelle als Dozent an der Theologischen Fakultät an der Universität Belgrad. Er wurde auch von seinen geistlichen Aufgaben suspendiert, verlor seine Gemeinde und seine Stelle als Redakteur beim kirchlichen Radio Slovo ljubve (Wort der Liebe). Er gehörte zu einer Gruppe Dozenten der Theologischen Fakultät, die 2017 dafür bestraft worden war, weil sie öffentlich dazu aufgerufen hatte, die Evolutionstheorie in Schulen nicht lediglich als eine „Theorie“ zu unterrichten. Zudem kritisierte er die Einmischung des Hl. Synods in Personalfragen der Theologischen Fakultät. Während der Covid-Pandemie kritisierte er Geistliche, die auf der Austeilung der Kommunion mit dem gleichen Löffel für alle bestanden. Für Milićević ist das Vorgehen des Kirchengerichts ein Zeichen, dass sich die Kirchenleitung in einem „klientelistischen Verhältnis mit dem Regime, das im Kern korrupt ist, befindet“. Die Kirche „verwandelt sich in eine tribalistische geistliche Elite, in deren Fokus ein Opferdiskurs steht, der dazu dient, alle möglichen nationalistischen Schweinereien zu rechtfertigen, die im Namen dieses Volks in den letzten 40 Jahren begangen werden.“
Milićević hatte auch Patriarch Porfirije heftig kritisiert, da dieser bei einem Treffen mit dem russischen Patriarchen Kirill und Präsident Vladimir Putin in Moskau die Studentenproteste als „Farbrevolution“ bezeichnet hatte, die hoffentlich abgewehrt werden könne. Damit folgte der Patriarch dem abwertenden Diskurs des serbischen Regimes, die Proteste seien vom Ausland gesteuert und zielten auf einen Umsturz, nachdem ihm lange Sympathien für die Demonstrierenden nachgesagt worden waren. Nur wenige Bischöfe der SOK stellen sich offen auf die Seite der Protestierenden, am prominentesten Bischof Grigorije (Durić) von Düsseldorf, die Mehrheit des Episkopats schweigt dagegen.
Das Vorgehen gegen die beiden Theologen löste in der Öffentlichkeit viel Resonanz aus. Beide Beschuldigten wurden vor dem Gebäude des Kirchengerichts von Unterstützern empfangen, die unter anderem ein Transparent mit der Aufschrift „Gott sieht alles“ hielten. Die meisten Demonstranten waren Studierende der Theologischen Fakultät; die Polizei war sowohl in Zivil als auch in Uniform anwesend. Die SOK schweigt unterdessen zu den Ereignissen. Den Theologen droht die Exkommunikation. (NÖK)

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