Die Proteste in Serbien und die Serbische Orthodoxe Kirche

Davor Džalto
Seit November 2024 erlebt Serbien massive Proteste gegen Korruption und schlechte Regierungsführung. Begonnen wurden sie von Studierenden, inzwischen haben sich ihnen viele andere Gruppen im ganzen Land angeschlossen. Einzelne Bischöfe der Serbischen Orthodoxen Kirche (SOK) wie Grigorije (Durić) von Deutschland haben ihre Unterstützung für die Protestierenden geäußert, während andere ihnen kritisch gegenüberstehen. Am 14. Mai hat der Hl. Synod ein Statement zu den Protesten veröffentlicht – was ist die offizielle Position der SOK? Wie reagieren Gemeindepriester und Laien auf die Proteste?
Auslöser der Proteste war der Einsturz des Vordachs des Hauptbahnhofs in Novi Sad, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen. Die wahren Ursachen haben jedoch mit dem ganzen politischen System in Serbien zu tun, das von Korruption, Klientelismus, Inkompetenz und sogar Elementen des Autoritarismus geprägt ist. Die SOK hat keine geeinte oder „offizielle“ Position zu diesem – oder überhaupt einem – Thema. Die Kirche ist sehr vielfältig, und es gibt keine einheitliche „Parteilinie“, der die Menschen folgen. Verschiedene Bischöfe sehen die Dinge unterschiedlich, einige unterstützen die Protestierenden, andere stellen sich eher auf die Seite der Regierung (obwohl dies selten offen oder deutlich gesagt wird). Die Mehrheit der Bischöfe hat sich jedoch dafür entschieden zu schweigen. Ich nehme an, sie warten ab, aus welcher Richtung der Wind wehen wird.
Noch größere Unterschiede gibt es bei Priestern und Gläubigen. Mein Eindruck ist, dass viele, wenn nicht sogar die meisten Priester die Proteste unterstützen; die Mehrheit der Laien mit unterschiedlichen ideologischen Orientierungen scheint sich an den Protesten zu beteiligen. Es gibt Priester, die gegen die Regierung sind und die Proteste unterstützen, aber zu einer Eparchie gehören, deren Bischof dagegen ist. Trotz beachtlichen Drucks haben einige dieser Priester ihre Haltung geäußert und die Proteste sogar öffentlich unterstützt.
Patriarch Porfirije hat wiederholt zu Frieden und Dialog aufgerufen sowie zur strafrechtlichen Verfolgung der Verantwortlichen für das eingestürzte Bahnhofsvordach von Novi Sad. Zudem hat er Gewalt gegen Demonstrierende verurteilt, aber keine eigentliche Unterstützung für sie geäußert. Warum bleibt er in seinen Statements so vage?
In seinem letzten Statement hat er offene Unterstützung für die Ziele der protestierenden Studierenden zum Ausdruck gebracht. Aber es stimmt, dass er bisher uneindeutig war und zögerte, offen Kritik an der Regierung zu äußern. Dies wurde damit begründet, dass die Kirche „über der Politik“ stehen und sich nicht auf die Seite einer der Konfliktparteien stellen sollte. Dem Patriarchen scheint die Stärke zu fehlen, um eine klarere Position gegen das Regime zu beziehen, obwohl er einigen Quellen zufolge die Studierenden der Theologischen Fakultät, die sich ebenfalls den Protesten angeschlossen haben, von Anfang an persönlich unterstützt hat. Während die Situation eskaliert, wobei das Regime die Hauptquelle der Unterdrückung und Gewalt ist, wird es zunehmend schwierig, den Anschein von „Neutralität“ zu wahren.
Was würde ein Erfolg der Proteste für die Kirche insgesamt und für die Bischöfe, die Partei ergriffen haben, bedeuten?
Zunächst einmal ist völlig unklar, was als „Erfolg“ gelten könnte. Es gib einige Verwirrung hinsichtlich der Ziele. Es gibt die erklärten Ziele der Studierenden, die keinen Regierungswechsel beinhalten. Die Studierenden sprechen von der Notwendigkeit „funktionierender (staatlicher) Institutionen“, und es wird auch die Notwendigkeit erwähnt, „das System zu verändern“. Es ist jedoch klar, dass solange der große Anführer Aleksandar Vučić und sein korruptes Regime an der Macht bleiben, keine der zentralen staatlichen Institutionen normal funktionieren kann. Zudem sind die Proteste, die zwar von Studierenden initiiert und koordiniert worden sind, zu einer viel größeren Volksbewegung geworden.
Man könnte sagen, dass die Proteste ihren Zweck bereits erfüllt haben: sie haben eine enorme Energie und demokratisches Potenzial generiert, das Regime delegitimiert und Vučić stärker erschreckt als alles andere zuvor. Die Frage ist, ob sich diese Energie in strukturiertere politische Programme und Taten übersetzen lässt, die letztlich zu mehr Freiheit, Demokratie und Wohlergehen für die Bürgerinnen und Bürger Serbiens führen könnten.
Ich denke nicht, dass diese Proteste für die institutionelle Kirche viel bedeuten werden. Die meisten serbischen Bürger sind auf irgendeine Art orthodox. Viele von ihnen gehören auf greifbarere Weise zur Kirche, so ist der orthodoxe Glaube (wie auch immer definiert) für sie wichtig, sie nehmen an Gottesdiensten teil, etc. Die meisten Menschen respektieren Priester, Bischöfe und den Patriarchen als Vertreter der Kirche, auch wenn sie in vielen Fragen anderer Meinung sind.
In der Vergangenheit gab es Beispiele, als einzelne Patriarchen von unbestreitbarer Autorität in der Kirche und der Gesellschaft zu bestimmten politischen Maßnahmen aufriefen, und die Mehrheit der Menschen (darunter Gläubige) sich entschied, diesen Aufrufen nicht zu folgen. Das ist in der orthodoxen Welt ganz normal. Die Mehrheit der Gläubigen, denke ich, empfinden die Kirche noch immer als etwas, zu dem sie gehören, als etwas viel größeres und wichtigeres als einzelne Priester oder Bischöfe mit all ihren Unzulänglichkeiten, und das trotz all der Korruption, die nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche existiert.
Die aktuellen Proteste in Serbien sind angeblich die größten in der jüngsten Geschichte und unterscheiden sich auch sonst von vorhergehenden. Was denken Sie darüber und die Zukunft des Landes?
Besonders wichtig ist, dass diese Proteste vermutlich die demokratischsten in der Geschichte Serbiens sind. Sie wurden von Studenten-„Plenen“ initiiert, was bedeutet, dass die Studierenden sich in einer selbstverwalteten, anarchosyndikalistischen Art organisiert haben. Sie weigerten sich, sich an irgendwelchen bestehenden politischen Parteien (darunter Oppositionsparteien) auszurichten oder mit ihnen zu kooperieren, und sie haben keine offiziellen Anführer. Das verlieh den Protesten sowohl Glaubwürdigkeit als auch Schutz davor, von der Regierung oder der Opposition vereinnahmt zu werden. Denn die meisten Oppositionsparteien sind ebenfalls weitgehend korrupt, dysfunktional und unglaubwürdig.
Der wahrhaft demokratische Geist dieser Proteste ist auch der Grund, warum keine westlichen Regierungen sie unterstützen. Westliche wirtschaftliche und politische Machtzentren (darunter auch die Mainstreammedien) ignorierten die Proteste zunächst, bis sie so massiv wurden, dass es unmöglich war, so zu tun, als passiere nichts. Sie teilen Vučićs Frustration: sie können keine kleine Gruppe von Individuen identifizieren, die sie korrumpieren und in gehorsame Vollstrecker ihrer Interessen und Strategien verwandeln können. Sowohl Washington als auch Brüssel als auch London und Berlin (ganz zu schweigen von Moskau und Beijing) bevorzugen diejenigen, die in ihrem Interesse zu arbeiten bereit sind, vor allem im Interesse ihrer Unternehmenssektoren. Autokraten sind, solange sie „liefern“, viel bequemere Partner als demokratische Führungen.
Die Frage ist nun, wie diese enorme Energie in eine Reihe konstruktiver politischer Maßnahmen übersetzt werden kann, die die Gesellschaft weiter demokratisieren und das aktuelle Regime beseitigen würden. Eine Möglichkeit könnte die Verbreitung eines authentisch demokratischen (oder anarchosyndikalistischen) Organisationsmodells in der Gesellschaft sein. Der Balkan hat eine demokratische Tradition, beispielsweise in der Form alter Dorfgenossenschaften und des jugoslawischen Systems der Selbstverwaltung.
Ein anderer Weg nach vorne könnte die Wahl einer Übergangsregierung sein, deren Mitglieder die protestierenden Bürger direkt aus ihren eigenen Reihen wählen würden, und die klar definierte, begrenzte Ziele und ein kurzfristiges Mandat hätte. Das Hauptziel wäre die Vorbereitung freier, fairer und transparenter Wahlen. Die Bildung einer neuen politischen Partei könnte eine andere (weniger revolutionäre) Option sein: eine Partei, die auf der Basis der gleichen demokratischen Prinzipien (der Selbstverwaltung) – ohne zentralisierte Führung oder bürokratischen Kern – agieren und deren Programm von den protestierenden Bürgern definiert würde.
Schließlich glaube ich, dass durch eine Kombination von Massenprotesten, klareren Zielen für konkrete Veränderungen im Staatsapparat und Lobbyarbeit sogar das aktuelle Regime zum Rücktritt gezwungen werden könnte. Das würde dem aktuellen Parlament erlauben, eine neue, unparteiische Übergangsregierung mit den erwähnten Zielen zu wählen.
Eines scheint klar zu sein: Wenn die Proteste scheitern, wird das Regime noch repressiver werden, um sicherzustellen, dass so etwas nie mehr passiert. Sollte das Regime unter dem Gewicht der Proteste ins Wanken geraten, wird Vučić wieder auf Repressionen zurückgreifen, um sich solange wie möglich an der Macht zu halten; es sei denn, die Armee- und Polizeiführung wendet sich schnell gegen ihn.
Die serbischen Bürgerinnen und Bürger können sich nur auf sich selbst verlassen. Sie sind nicht nur mit Vučićs Regime konfrontiert, sie stehen auch korrupten internationalen Unternehmens- und politischen Eliten sowie imperialen Interessen gegenüber. Deshalb ist es wichtig, dass die Bürger in Europa und darüber hinaus die serbischen Protestierenden unterstützen. Nur durch gegenseitige Unterstützung, Solidarität, gemeinsame Initiativen und Aktivismus können die einfachen Menschen – wo auch immer sie sich befinden – größere Freiheit und Demokratie erreichen und Autokraten, korrupten Bürokraten und faschistischen Konzerneliten entgegentreten.
Davor Džalto, Dr., Professor für Religion, Kunst und Demokratie am University College Stockholm.
Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.
Bild: Demonstration in Belgrad am 22. Dezember 2024 (© Gavrilo Andrić/protesti.pics)