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Georgien: Patriarch Ilia II. verstorben

26. März 2026

Der georgische Patriarch Ilia II. ist am 17. März im Alter von 93 Jahren in Tbilissi gestorben. Die Begräbnisfeierlichkeiten fanden am 22. März in der Dreifaltigkeitskathedrale (Sameba) in Tbilissi statt, wo der Patriarch nach seinem Tod auch aufgebahrt war. Die Liturgie feierte Metropolit Schio (Mujiri) von Senaki gemeinsam mit weitern georgischen Hierarchen. Die Begräbnisfeier leitete der Ökumenische Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel. Beerdigt wurde Ilia auf seinen Wunsch in der historischen Sioni-Kathedrale in Tbilissi, wo er seit seiner Inthronisation als Patriarch 1977 bis zur Fertigstellung der Sameba-Kathedrale 2004 gewirkt hatte.

Am Begräbnis nahmen zahlreiche staatliche Vertreter, Politiker, die militärische Führung des Landes, Diplomaten und Repräsentanten verschiedener christlicher Gemeinschaften teil. Von den orthodoxen Lokalkirchen waren Patriarch Daniil (Nikolov) von Bulgarien, Erzbischof Ioannis (Pelushi) von Albanien, Erzbischof Rastislav (Gont) von Prešov und den Tschechischen Ländern und der Slowakei sowie Metropolit Tichon (Mollard) von der Orthodox Church in America anwesend. Die Patriarchate von Alexandrien, Antiochien, Jerusalem, Moskau, Rumänien und Serbien sowie die Kirchen von Zypern und Griechenland schickten ebenfalls Delegationen, auch die Ukrainische Orthodoxe Kirche war mit mehreren Hierarchen vertreten. Die Russische Orthodoxe Kirche entsandte eine Delegation unter der Leitung von Metropolit Veniamin (Tupeko) von Minsk. Der russische Patriarch Kirill vermied so ein Aufeinandertreffen mit Patriarch Bartholomaios, da das Moskauer Patriarchat schon seit Jahren die eucharistische Gemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat abgebrochen hat. Vor der Kathedrale und in den umliegenden Straßen sowie auf dem Weg zur Sioni-Kathedrale versammelten sich Zehntausende Gläubige.

Über das Wochenende war der öffentliche Verkehr auf Anordnung der Regierung in Tbilissi kostenlos. Am 17. März verhängte die Regierung zudem eine Staatstrauer, die Flaggen wehten auf Halbmast. Bis am 21. März konnten Gläubige rund um die Uhr in der Sameba-Kathedrale vom aufgebahrten Patriarchen Abschied nehmen, wobei sich ständige Schlagen von der nächsten Metrostation zur Kathedrale bildeten. Am 22. März waren allerdings nur geladene Gäste zu den Feierlichkeiten in die Kathedrale zugelassen.

Der Tod des Patriarchen überschattete kurzfristig das gesamte öffentliche Leben in Georgien, wo es in den letzten Jahren zu immer wieder zu politischen Massenprotesten kam. Jahrelang war Ilia in Umfragen konstant zu der öffentlichen Persönlichkeit gewählt worden, der die Menschen am meisten vertrauen, wobei er Politiker aller Richtungen weit hinter sich ließ. Von vielen wurde das verstorbene Kirchenoberhaupt als Symbol für Stabilität wahrgenommen. Sein Beitrag zum Aufbau der Kirche während seiner langen Amtszeit – in der Sowjetzeit und im unabhängigen Georgien – ist unbestritten. Allerdings war seine Führung – wie auch die Rolle der Kirche in der Öffentlichkeit gerade – gerade in den letzten Jahren nicht unumstritten. Die äußerst konservative Haltung der Kirche in sozialen Fragen, der Wohlstand der leitenden Geistlichen, die Nähe zur Regierung und zur Russischen Orthodoxen Kirche sowie zahlreiche Skandale führten zu verbreiteter kritischer Medienberichterstattung und wachsender Skepsis in der Bevölkerung.

Metropolit Schio, der aufgrund der langenjährigen schweren Krankheit Ilias bereits seit 2017 auf dessen Wunsch als Locum tenens fungiert, bezeichnete den Verstorbenen als „epochendefinierende Figur“, dessen Tod ein großer Verlust für die ganze orthodoxe Welt bedeute. Mit seinem Tod habe Georgien einen himmlischen Fürsprecher und Beschützer gewonnen, mit dessen Hilfe das kirchliche Leben und das Leben der Nation nach seinen Wünschen fortgesetzt werden könne. Er rief dazu auf, nach Harmonie, gegenseitiger Liebe und Versöhnung zu streben sowie „entschlossen und endgültig“ zu den Werten zurückzukehren, für deren Wiedergeburt und Verbreitung sich Ilia engagiert habe. Patriarch Bartholomaios bezeichnete Ilia als „sorgenden und liebenden Vater, der bis zum letzten Atemzug wachsam für göttliche Erbauung, spirituelle Stärkung sowie den Fortschritt und das Wohlergehen der Gesellschaft blieb“.

Ein erweiterter Kirchenrat muss nun in der Zeit zwischen 40 Tagen und zwei Monaten nach dem Tod einen neuen Patriarchen wählen. Bis dahin leitet Metropolit Schio die Kirche weiter und ist dabei auch verantwortlich für die Organisation der Wahl. (NÖK)

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