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Georgien: Verfahren für Wahl eines neuen Patriarchen

09. April 2026

Der Hl. Synod der Georgischen Orthodoxen Kirche (GOK) hat an seiner Sitzung am 3. April erste Schritte zur Planung der Wahl des neuen Patriarchen unternommen. Metropolit Schio (Mujiri), der Locum tenens, den der verstorbene Patriarch Ilia II. bereits 2017 eingesetzt hatte, stellte laut veröffentlichtem Sitzungsprotokoll das provisorische Vorgehen vor. Dazu gehörten die Wahlregeln, Verfahrensfragen zur Einberufung des erweiterten Rats der GOK und die Bildung mehrerer Kommissionen, um ein „faires, transparentes und organisiertes Wahlverfahren sicherzustellen“. Eine Reihe von Hierarchen äußerten ihre Meinung dazu, und der Hl. Synod beschloss, an seiner nächsten Sitzung die Kandidatenliste zu besprechen und die endgültigen Kandidaten festzulegen. Zudem entschied er, den erweiterten Rat der GOK in der Dreifaltigkeitskathedrale (Sameba) in Tbilissi durchzuführen. Bis zur nächsten Sitzung wollen die Bischöfe dem Hl. Synod auch die vollständigen Delegiertenlisten ihrer Eparchien zur Bewilligung vorlegen.

Laut dem Statut der GOK, das 1995 verabschiedet wurde, muss der Locum tenens im Zeitraum von 40 Tagen bis zwei Monaten nach dem Tod des Patriarchen einen erweiterten Kirchenrat einberufen, an dem der neue Patriarch gewählt wird. Im Vorfeld bestimmt der Hl. Synod drei Kandidaten aus seinen Reihen, die am Rat zur Wahl gestellt werden. Jedes Mitglied des Hl. Synods hat das Recht einen Kandidaten vorzuschlagen, auch sich selbst. Der erweiterte Rat umfasst den Hl. Synod mit seinen 40 Mitgliedern, sowie Vertreter – Geistliche und Laien – aus allen Eparchien und Delegierte aus Klöstern, theologischen Akademien und Seminaren. Diese haben jedoch nur eine beratende Funktion, das Wahlrecht ist den Mitgliedern des Hl. Synods vorbehalten.

Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Patriarchenwahl hat der russische Auslandsgeheimdienst erneut den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel angegriffen. In einem Statement vom 31. März warf er ihm „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ der GOK vor, wobei er sich den Tod von Patriarch Ilia, der am 17. März im Alter von 93 Jahren verstorben ist, zunutze mache. Um die GOK seinem Einfluss zu unterstellen, versuche er einen Kandidaten auf den Patriarchenposten zu befördern, auf den er sich verlassen könne. Weiter warf der Auslandsgeheimdienst dem „Konstantinopler Schismatiker“ Herrschsucht vor, und mit seinem Vorgehen das Prinzip des Ehrenvorsitzes in der Orthodoxie durch ein Prinzip des Machtvorsitzes zu ersetzen. Damit verfolge er „stur weiter seine hinterhältige Linie zur Spaltung der Weltorthodoxie“, wobei er das Prinzip „teile und herrsche“ anwende.

Die beiden angeblichen Favoriten des Ökumenischen Patriarchen sind zwar Mitglieder des Hl. Synods, einer übersteigt mit seinen 77 Jahren jedoch die Altersbegrenzung für potenzielle Kandidaten. So müssen Kandidaten für das Patriarchenamt laut Statut zwischen 40 und 70 Jahre alt sein. Zudem müssen sie die Mönchsweihe empfangen haben, eine theologische Ausbildung haben und über „ausreichende Erfahrung“ in der Kirchenleitung verfügen. Wie der Geheimdienst auf diese Kandidaten gekommen ist, ist unklar. Der Sprecher des georgischen Patriarchats erklärte dazu, dass die „Grundlage für eine solche Information unbekannt“ sei. Eine solche Einmischung durch eine andere orthodoxe Lokalkirche sei „unvorstellbar“, und die GOK halte sie für „völlig unmöglich“. Das Ökumenische Patriarchat und die beiden Bischöfe haben auf die Anschuldigungen nicht reagiert. Einige Beobachter vermuten, dass die Anschuldigungen ein eigener Versuch zur Einflussnahe sind.

Die Wahl eines neuen Patriarchen ist ein wichtiges Ereignis für GOK, vor allem weil Ilia ihr fast 50 Jahre lang vorstand. Viele Gläubige haben nie einen anderen Patriarchen erlebt, und viele heutige Bischöfe und Geistliche haben ihre ganze Karriere unter der Führung Ilias, unter dem die GOK stark zentralisiert wurde, gemacht. Kommentatoren spekulieren, dass es künftig mehr Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Hl. Synods geben könnte. Die GOK stehe vor verschiedenen Herausforderungen wie der Gestaltung ihres Verhältnisses zur Staatsmacht und zur Russischen Orthodoxen Kirche, zudem sei die georgische Gesellschaft wesentlich kritischer gegenüber der Kirche eingestellt als früher. (NÖK)

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