Zum Hauptinhalt springen

Georgien: Kandidaten für Patriarchenwahl stehen fest

07. Mai 2026

Der Hl. Synod der Georgischen Orthodoxen Kirche (GOK) hat Ende April drei Kandidaten für die Wahl des neuen Patriarchen bestimmt. Die meisten Stimmen erhielt Metropolit Schio (Mujiri), der seit 2017 als Locum tenens der GOK amtet. Die beiden anderen Kandidaten sind die Metropoliten Grigol (Berbichashvili) und Iob (Akiashvili), die je sieben Stimmen erhielten. 20 Mitglieder des 39 Bischöfe zählenden Hl. Synods wählten Schio. Bischof Grigol (Katsia) erhielt zwei Stimmen, Bischof Dositeoz (Bogveradze) eine, somit schafften es die beiden nicht unter die drei finalen Kandidaten.

Damit ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Nachfolge des am 17. März verstorbenen Patriarchen-Katholikos Ilia II. getan. Die Wahl des neuen Patriarchen muss frühestens 40 Tage und spätestens zwei Monate nach dem Tod des vorherigen Patriarchen stattfinden. Dazu wird ein Kirchenrat einberufen, an dem neben dem Hl. Synod Vertreter aus allen Eparchien sowie Delegierte aus Klöstern, theologischen Akademien und Seminaren teilnehmen. Diese haben jedoch nur eine beratende Funktion, wahlberechtigt sind lediglich die Mitglieder des Hl. Synods, wobei dieser auch die drei Kandidaten bestimmt. Kandidaten müssen zwischen 40 und 70 Jahre alt und Mitglieder des Hl. Synods sein sowie eine theologische Ausbildung und ausreichende Erfahrung in der Kirchenverwaltung haben.

Metropolit Schio von Senaki und Chkhorotsku hat in Georgien einige Bekanntheit erlangt, seit ihn Patriarch Ilia 2017 zum Locum tenens ernannte. Seine Unterstützer stellen ihn als den Wunschkandidaten des verstorbenen Patriarchen dar. Kritiker werfen ihm vor, innerhalb der GOK „Parallelstrukturen“ aufgebaut zu haben, um seine Verbündeten zu stärken. Außerdem fördere er die Nähe der Kirche zum Staat sowie ihre Unterstützung für die Regierungspartei und deren Politik. Zudem wird ihm auch eine Nähe zur Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) vorgeworfen.

Metropolit Iob von Ruisi-Urbnisi ist in der Öffentlichkeit für seine deutlichen Meinungen und konservative Haltung bekannt, wobei manche seiner Äußerungen in den Bereich der Verschwörungstheorien fallen. In gewissen Fragen ist seine Haltung widersprüchlich, so zur Beziehung zu Russland. Er befürwortet die Wiedereinführung der Monarchie.

Metropolit Grigol von Poti und Chobi leitet die patriarchale Publikationsabteilung und äußerte sich wiederholt öffentlich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen, wobei seine Meinung gelegentlich von der Regierungslinie und der konservativerer Mitglieder des Hl. Synods abweicht. So hatte er 2024 die Regierung aufgerufen, angesichts von breiten Protesten die beschleunigte Verabschiedung des umstrittenen sog. Agentengesetzes zu stoppen. Zudem kritisierte er den harschen Umgang mit den meist jungen Demonstrierenden. Wiederholt kritisierte er Russland und die russische Politik.

Zwei weitere Kandidaten waren im Gespräch gewesen, die aber die formalen Bedingungen nicht erfüllten. Metropolit Daniel (Datuashvili) wird Ende Mai 71 Jahre alt, und Metropolit Isaiah (Chanturia) verfügt über keine höhere theologische Ausbildung. Isaiah wollte trotzdem kandidieren und betonte, wenn ein Bischof die Anforderungen erfülle, um eine Eparchie zu leiten und Teil des Hl. Synods zu sein, müsste er auch zum Patriarchen gewählt werden können. An seiner Sitzung diskutierte der Hl. Synod über die Anforderungen an Alter und Ausbildung der Kandidaten, beendete die Diskussion aber, ohne etwas dazu zu beschließen.

Im Zusammenhang mit der Patriarchenwahl in Georgien sorgte der russische Patriarch Kirill für Aufregung. An einer Veranstaltung im russischen Außenministerium kritisierte er die „Intervention“ des Ökumenischen Patriarchats in das kirchliche Lebend der Ukraine, was eine Krise in den innerorthodoxen Beziehungen ausgelöst habe. Er betonte, dass nur wenige orthodoxe Lokalkirchen die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU), die vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios die Autokephalie erhalten hatte, anerkannt hätten. Weiter rühmte er die Oberhäupter der orthodoxen Kirchen von Antiochien, Jerusalem, Bulgarien und Albanien, die die OKU nicht anerkannt haben. Er hoffe, dass dies auch „in der Georgischen Orthodoxen Kirche der Fall sein wird, die bald ihr neues Oberhaupt wählt“. Diese Äußerungen wurden als direkte Einmischung in die Angelegenheiten der GOK verstanden. Dabei hatte der russische Geheimdienst vor kurzem dem Ökumenischen Patriarchat vorgeworfen, die Patriarchenwahl in Georgien beeinflussen zu wollen. Einer der angeblichen Wunschkandidaten sei Metropolit Grigol. Es war bereits der zweite Angriff des russischen Geheimdienstes auf Patriarch Bartholomaios. Die betreffende Stelle aus Patriarch Kirills Rede fehlt sowohl in der schriftlichen Version als auch im Video auf der Website der ROK, sie ist aber auf anderen russischen Plattformen zu finden. (NÖK)

Der Patriarch zweier Epochen: Katholikos-Patriarch Ilia II. von Georgien

Nach langer, schwerer Krankheit ist Katholikos-Patriarch Ilia von Georgien verstorben. Während seiner langen Amtszeit, die in der Sowjetunion begann, entwickelte er sich zu einer Autorität des öffentlichen Lebens, deren Erbe die Zukunft seiner Kirche weiter prägen wird. 


“Hands Off, This Child is Mine!” Democracy and Sovereignty under Threat in Georgia

Angesichts der anhaltenden Proteste für mehr Demokratie und eine euroatlantische Integration in Georgien untersucht Tamara Grdzelidze die Haltung der Georgischen Orthodoxen Kirche zu Gesellschaft und Politik.


Einzigartig und vielfältig: Georgiens Protestbewegung gegen das Agentengesetz

Trotz beispielloser Massenproteste hat das georgische Parlament das umstrittene "Agentengesetz" verabschiedet. Die Georgische Orthodoxe Kirche hat uneindeutig auf die Proteste reagiert, erläutert Sophie Zviadadze im Interview.


Sophie Zviadadze über die Abschaffung von rechtlichen Privilegien der Georgischen Orthodoxen Kirche
Das Verfassungsgericht hat einige der rechtlichen Privilegien der Georgischen Orthodoxen Kirche als diskriminierend und verfassungswidrig eingestuft. Sophie Zviadadze gibt einen Überblick über den Status der religiösen Grupen in Georgien und die Tragweite des Urteils.