Polen: Analyse zu sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche

Das Kinder- und Jugendschutzzentrum (COD) der Polnischen Bischofskonferenz hat die Ergebnisse einer Analyse von sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche vorgestellt. In der am 13. Januar vorgestellten Studie wurden Missbrauchsfälle zwischen 1950 und 2018 untersucht. Insgesamt wurden 382 Fälle erhoben, von denen 198 Fälle unter 15-Jährige betreffen und 184 Fälle Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren.

Das Statistikinstitut der Katholischen Kirche (ISKK) hat die Analyse im Auftrag des polnischen Primas und Kinder- und Jugendschutzbeauftragten der Bischofskonferenz, Bischof Wojciech Polak, auf Grundlage der im März 2019 publizierten Studie über Fälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche erstellt. Aus der Analyse geht hervor, dass 56 Prozent der Betroffenen männlich sind, der sexuelle Missbrauch von Mädchen aber seit 1981 rapide zunimmt: zwischen 1981 und 1990 waren 23 Prozent der Opfer weiblich, zwischen 1991 und 2000 26 Prozent, zwischen 2001 und 2010 48 Prozent und zwischen 2011 und 2018 fast 50 Prozent. Auch das Durchschnittsalter der Opfer stieg mit der Zeit: In den Jahren 1950–1980 machten Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren 10 Prozent aus, zwischen 2001 und 2010 waren es bereits 53 Prozent und zwischen 2011 und 2018 61 Prozent.

Auf der Täterseite bewegt sich die Altersspanne zwischen 23 und 77 Jahren. 47 Prozent aller gemeldeten Fälle von sexuellem Missbrauch von Minderjährigen betrafen Geistliche, die zum Zeitpunkt der Tat zwischen 30 und 40 Jahre alt gewesen waren. Die Dauer des Missbrauchs beläuft sich im Schnitt auf 2,5 Jahre, wobei die durchschnittliche Dauer von 4,6 Jahren (zwischen 1981–1990) später sukzessive abnahm und sich zwischen 2011–2018 auf 1,6 Jahre beläuft. In der Mehrheit der Fälle (208) dauerte der Missbrauch ca. ein Jahr lang. Aus der – aufgrund fehlender Daten erschwerten – Analyse bereits abgeschlossener kanonischer Verfahren geht hervor, dass 25 Prozent der angeklagten Geistlichen aus dem Klerus ausgeschlossen, 41 Prozent anderweitig bestraft, 10 Prozent für unschuldig befunden, 13 Prozent suspendiert wurden und 11 Prozent andere Folgen zu gewärtigen hatten.

Mit Blick auf die Ergebnisse der Analyse sagte Pater Adam Żak SJ, der Kinder- und Jugendschutz-Koordinator der Bischofskonferenz, „dass die Ursache für die meisten dieser Taten nicht eine Störung der sexuellen Präferenz der Täter in Form von Pädophilie ist, sondern ihre große psychosexuelle Unreife. Weitere vertiefte Studien in diesem Bereich müssen unternommen und durchgeführt werden, damit die Antwort der Kirche, besonders im Bereich der Prävention, realistisch und angemessen sein kann. Dennoch können die bereits aufgedeckten Daten all jenen, die für die Ausbildung der Seminaristen und die ständige Weiterbildung der Priester verantwortlich sind, viel Stoff zum Nachdenken geben.“ Zurzeit führt das ISKK eine weitere Studie zu sexuellem Missbrauch in den Jahren 2018 bis 2020 durch. Żak wies darauf hin, dass die Kirche sich seit 2013 dem Aufbau eines Präventionssystems widmet, was am Anfang angesichts der allgemeinen Mentalität des Negierens vom Problem sehr schwierig gewesen sei.

Bei einer Online-Konferenz zum Thema „Aufbau eines Systems für Prävention von sexuellem Missbrauch Minderjähriger in der Kirche in Polen“ wurde auch über die Tätigkeit der 2019 eingerichteten St. Joseph-Stiftung für Opfer sexuellen Missbrauchs berichtet, die über ein jährliches Budget von 3 Mio. Zloty verfüge: Jeder Pfarrer zahle hier jährlich 150 Zloty, jeder Bischof 2000 Zloty ein. Die Leiterin der Stiftung, Marta Tytaniec, berichtete, dass 2020 fast 700000 Zloty für die Opferhilfe ausbezahlt wurden. Zusammen mit dem Kinder- und Jugendschutzzentrum der Bischofskonferenz wurde eine Website erstellt, bei der Missbrauchsfälle gemeldet werden können (zgloskrzywde.pl). Im Oktober 2020 veröffentlichte das Zentrum eine Dokumentensammlung über die rechtlichen Aspekte der „Antwort der Kirche auf das Drama des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger“.

Regula Zwahlen

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