Serbien: Erzbischof Justin wegen vermeintlicher Finanzdelikte abgesetzt
Der Hl. Synod der Serbischen Orthodoxen Kirche (SOK) hat Erzbischof Justin (Stefanović) von Žiča bis zur Bischofsversammlung der SOK von der Leitung seiner Eparchie entbunden. Zum temporären Verwalter der Eparchie Žiča ernannte er Erzbischof Arsenije (Glavčić) von Niš. Der Hl. Synod wirft Justin „zahlreiche kanonische und andere kirchliche Vergehen bei der Verwaltung der ihm anvertrauten Eparchie Žiča“ vor. Konkret soll Justin unbefugt drei Firmen gegründet, ihre Arbeit verschleiert und sich als ihr Eigentümer registriert haben, heißt es im Statement des Hl. Synods vom 18. Februar. Zudem habe er unbefugt Kirchenimmobilien verkauft und entgegen kirchlichen Vorschriften mit juristischen und natürlichen Personen „schädliche“ Verträge in Millionenhöhe abgeschlossen, verschiedenen Gesellschaften in Serbien Darlehen in Millionenhöhe gewährt sowie für die SOK beispiellosen finanziellen Missbrauch betrieben. Dafür werde er sich vor den staatlichen Institutionen verantworten müssen.
Weiter warf der Hl. Synod Erzbischof Justin vor, er und seine Mitarbeiter würden die Öffentlichkeit belügen und behaupten, sie würden aufgrund der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation in Serbien politisch verfolgt. Dies wies der Hl. Synod entschieden zurück, die Aussage diene nur dazu, sich der kirchlichen Verantwortung zu entziehen. Es gehe um kircheninterne kanonische und kirchliche Fragen, für die einzig der Hl. Synod und die Bischofsversammlung zuständig seien.
In der serbischen Öffentlichkeit wird das Vorgehen gegen Erzbischof Justin hingegen verbreitet als politisch motiviert betrachtet. Justin war einer von nur sechs Bischöfen der SOK, die sich im Februar 2025 in einem offenen Brief mit den landesweiten Studierendenprotesten solidarisiert hatten. Zudem war er der einzige Bischof, der in Serbien selbst dient, die anderen Unterzeichner leiten Eparchien in Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Deutschland und den USA. Justin hatte außerdem den ihm untergebenen Geistlichen erlaubt, an den Protesten teilzunehmen. Im Oktober 2025 beherbergte seine Eparchie Studierende aus Novi Pazar, die zu Fuß nach Novi Sad unterwegs waren, um dort an Gedenkfeierlichkeiten zum Einsturz des Bahnhofsvordachs teilzunehmen. Bei dem Unglück am 1. November 2024 waren 16 Menschen umgekommen, was der Auslöser für die seither andauernden Massenproteste in Serbien war. Die Studierenden übernachteten im berühmten Kloster Studenica, das zur Eparchie Žiča gehört. Noch früher, im August 2024, hatte Erzbischof Justin einen seiner Geistlichen verteidigt, der an Protesten gegen eine Lithiummine teilgenommen hatte. Als Bürger Serbiens hätten auch Geistliche das Recht, ihre Meinung auf jede „demokratische und gewaltlose Weise“ auszudrücken, insbesondere wenn es um die Umwelt und die Gesundheit der Menschen gehe.
Der serbische Theologe Blagoje Pantelić sieht in der Absetzung von Erzbischof Justin klar eine politische Verfolgung. Noch weiter geht der serbische Theologe Vukašin Milićević: nur wer aktiv an der Linie der Kirchenleitung mitwirke, sei vor Verfolgung geschützt. Dabei zeichne diese „Pädophile und Kriegsverbrecher“ aus, sie sei keine Kirche, sondern der verlängerte Arm der Mafia, beklagte er. Er befürchtet, dass sich die Verfolgung auch auf die Geistlichen der Eparchie ausweiten könnte. Patelić und Milićević wurden kürzlich aufgrund ihrer kritischen Meinungen und der Unterstützung für die Proteste von der SOK exkommuniziert.
In einer der Kommissionen, die Justins Amtsführung untersuchten, war Metropolit Irinej (Bulović) von Bačka Mitglied. Irinej gilt als einflussreichste Person in der SOK, an dem sich auch Patriarch Porfirije orientiert, und ist Mitglied des Hl. Synods. Der SOK oder zumindest ihrer Führung wird eine große Nähe zum autoritären Regime des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić vorgeworfen. Passend dazu wurde Irinej am serbischen Nationalfeiertag vom Präsidenten mit einem der höchsten Orden des Landes ausgezeichnet. Kommentatoren sehen kaum Chancen, dass sich an der Bischofsversammlung im Mai jemand für Justin einsetzen wird.
Ein weiterer Aspekt, auf den auch Blagoje Pantelić hinwies, ist der Reichtum der Eparchie Žiča. Sie ist die größte administrative Einheit innerhalb der SOK und angeblich wird in hohen Kirchenkreisen über ihre Aufteilung diskutiert. Die Eparchie ist zudem die bevölkerungsreichste und sehr einflussreich. Das passt laut Beobachtern nicht ins Konzept einer stark zentralisierten SOK. Bei einer Aufteilung der Eparchie müsste ein neuer Bischof gewählt werden, was eine Chance auf ein weiteres linientreues Mitglied in der Bischofsversammlung sei. (NÖK)

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