Bulgarien: Orthodoxe Metropoliten reagieren unterschiedlich auf den Krieg in der Ukraine

Der Krieg in der Ukraine hat die Kirchenleitung der Bulgarischen Orthodoxen Kirche (BOK) in eine heikle Lage gebracht. Sie muss einen Spagat meistern zwischen der Empörung in weiten Teilen der bulgarischen Gesellschaft über den russischen Angriffskrieg und der traditionell starken Verbundenheit vieler Bulgaren und der BOK mit Russland und der Russischen Orthodoxen Kirche. Zudem wirft der Krieg erneut die Frage nach der Positionierung der BOK in Bezug auf den Status der ukrainischen Kirche auf, worüber seit längerem eine Spaltung in der BOK existiert.

Als erstes Mitglied des Hl. Synods äußerte sich Metropolit Naum (Dimitrov) von Ruse am Morgen des 25. Februars und wies mit Verweis auf 1 Kor 11,16 auf die Gefahr von Auseinandersetzungen unter den bulgarischen Gläubigen angesichts des Krieges hin. Zwar verurteilte der Metropolit Russland nicht explizit als Aggressor, begann aber seine Erklärung mit dem Satz: „Der Krieg ist ausgebrochen“. Die wichtigsten Punkte seiner Erklärung waren: der Krieg sei nicht zu rechtfertigen, er sei Fluch und Tod – körperlich und seelisch. Die stärkste Waffe des Christen sei das Gebet. Christen seien jetzt aufgerufen, den Kriegsleidenden zu helfen.

Diese Aussage wurde inhaltlich weitgehend von weiteren kirchlichen Stellungnahmen am gleichen Tag wiederholt. Patriarch Neofit sprach von „kriegerischen Handlungen“, verurteilte das Blutvergießen als inakzeptabel und forderte eine friedliche Lösung des Konflikts. Der Metropolit von Stara Zagora, Kiprian (Dobrinov), rief die Christen auf, mit bürgerlicher Stimme und Gebeten auf ein Ende dieses „schändlichen und brudermörderischen Krieges“ zu drängen. Der Metropolit von Varna, Joan (Ivanov), ein Verteidiger der Sache Moskaus im Streit um den Status der ukrainischen Kirche, bezeichnete den Krieg als Schande und einen Akt des Stolzes und des Egoismus. Metropolit Antonij (Mihalev) von West- und Zentraleuropa beschrieb den Krieg als „großes Übel“ und betonte, dass Konflikte friedlich gelöst werden müssten.

Die Fernsehbilder von der Zerstörung und dem Leid in der Ukraine sowie die Erzählungen der ankommenden ukrainische Flüchtlinge führten zu deutlicheren Formen der Kritik und zur Organisation kirchlicher Hilfe. Als problematisch erwies sich insbesondere der bulgarische Nationalfeiertag am 3. März, an dem Bulgarien seine Befreiung vom Osmanischen Reich durch Russland feiert. In seiner diesjährigen Ansprache erwähnte Patriarch Neofit Russland zwar nicht ausdrücklich, unterstrich aber, dass die Freiheit das höchste Geschenk Gottes sei und geschützt und verteidigt werden müsse. Am 6. März bezeichnete der Patriarch den Krieg in der Ukraine als „brudermörderisch“ und als „Triumph des Bösen“.

Am schärfsten verurteilte Metropolit Nikolaj (Sevastianov) von Plovdiv den Krieg in der Ukraine. In einer hoch emotionalen Rede sagte er klar, dass Russland die Ukraine überfallen habe, und dass dies ein gottverhasster Krieg sei, der nichts mit Glauben, sondern mit geostrategischen Zielen zu tun habe. Er war der einzige Metropolit, der die Russische Orthodoxe Kirche direkt kritisierte, dass sie zum Krieg beigetragen und Unruhe in die orthodoxe Welt gebracht habe, anstatt der ukrainischen Kirche die erwartete Autokephalie zu geben. Er mahnte an, dass die Kirche sich auf keinen Fall für die Umsetzung geopolitischer Ziele instrumentalisieren lassen dürfe. Zudem äußerte er die Erwartung, dass die Serbische Orthodoxe Kirche der orthodoxen Kirche in Nordmakedonien die Autokephalie gewährt.

Obwohl sich in den meisten kirchlichen Äußerungen keine scharfe Verurteilung Russlands als Aggressor findet, lässt sich bei genauerem Hinsehen feststellen, dass die bulgarischen Metropoliten die russische Sichtweise des Krieges nicht unterstützen: Einmütig wird der Krieg als schlecht, als Frucht des Bösen und des Egoismus verurteilt, er kann nicht als heilig oder gerechtfertigt dargestellt werden. Es wird immer wieder eine friedliche Konfliktlösung angemahnt. Nirgendwo wird die Ukraine als verantwortlich für den Krieg bezeichnet, vielmehr ist in kirchlichen Aufrufen für Spenden- und Hilfeaktionen vom leidenden ukrainischen Volk und Opfer des Krieges die Rede.

Vladislav Atanassov

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