Russland: Scharfe Kritik an Konstantinopels Vorgehen in der Ukraine

Die Russische Orthodoxe Kirche hat die Verleihung der Autokephalie an die Orthodoxe Kirche der Ukraine verurteilt. Vladimir Legojda, der Vorsitzende der Synodalabteilung für Kirche, Gesellschaft und Medien, erklärte, der Tomos sei ein Stück Papier ohne kanonische Bedeutung. Mit einem offenen Brief an Patriarch Bartholomaios zum Jahreswechsel hatte Patriarch Kirill diesen noch von der Anerkennung der Autokephalie abzuhalten versucht. Zuvor hatte Bartholomaios in einem Brief an alle Oberhäupter der orthodoxen Lokalkirchen diese über die jüngsten Entwicklungen in der Ukraine informiert, die Übergabe des Autokephalie-Tomos für den 6. Januar angekündigt und sie aufgefordert, die neue Orthodoxe Kirche der Ukraine anzuerkennen.

Kirill kritisierte, dass der „jetzige politisierte Prozess der erzwungenen Vereinigung weit von den Normen und dem Geist der heiligen Kanones entfernt“ sei. Bartholomaios habe sich geirrt, als er glaubte, zahlreiche Bischöfe der bis vor kurzem einzigen kanonischen Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), die zum Moskauer Patriarchat gehört, würden sich der neu gegründeten Struktur anschließen. Entsprechende Warnungen Kirills habe Bartholomaios aber ignoriert. Den beiden Bischöfen, die am Vereinigungskonzil teilgenommen und die UOK verlassen haben, hätten sich kaum Geistliche, Gläubige und Klöster angeschlossen. Somit sei es falsch, sich auf den Willen der Gläubigen zu berufen. Diese wünschten die Autokephalie nicht, was auch ihre zahlreichen Briefe an Bartholomaios belegten. Für den Fall der Verleihung der Autokephalie drohte Kirill dem Ökumenischen Patriarchen mit gravierenden Folgen: „Dann werden Sie für immer die Gelegenheit verlieren, der Einheit der heiligen Kirchen Gottes zu dienen. Dann hören Sie auf, Erster in der orthodoxen Welt zu sein.“

Ähnlich äußerte sich Kirill an der Sitzung des Obersten Kirchenrats der ROK zu den „radikalen, für die Integrität des ukrainischen Volks extrem gefährlichen“ Entwicklungen. Dazu zähle auch eine Gesetzesanpassung, die die UOK zur Änderung ihres Namens zwingen soll. Für den Fall einer Namensänderung befürchtet Kirill Repressionen gegen die UOK und ist überzeugt, dass ihr gewaltsam Kirchengebäude weggenommen würden. Das könnte zu „blutigen Konflikten“ führen. Den fehlenden internationalen Protest gegen die Einmischung in kirchliche Angelegenheiten erklärte Kirill mit dahinterstehenden „konkreten politischen Zielen“. Die „letzte Verbindung“ zwischen dem russischen und ukrainischen Volk, nämlich das spirituelle Band, solle zerrissen werden. Dieses Ziel sei von amerikanischen und ukrainischen Behördenvertretern formuliert worden. Zudem verglich er die Situation in der Ukraine mit derjenigen nach der Russischen Revolution.

Der Hl. Synod der ROK entschied an seiner Sitzung Ende Dezember zwei Patriarchalexarchate einzurichten. Vor dem Hintergrund der erfolgreichen Mission der ROK in Südostasien, die sich in einer wachsenden Zahl von Kirchen und Gemeinden, aus der lokalen Bevölkerung stammenden Geistlichen und steigendem Interesse an der russischen Orthodoxie zeige, beschloss der Hl. Synod, ein Patriarchalexarchat mit Sitz in Singapur zu gründen. Erzbischof Sergij (Tschaschin) von Solnetschnogorsk übernimmt dessen Leitung. Zudem entschied der Hl. Synod ein Patriarchalexarchat für Westeuropa mit Sitz in Paris zu errichten. Zu dessen Territorium gehören Andorra, Belgien, Großbritannien, Irland, Spanien, Italien, Liechtenstein, Luxemburg, Portugal, Frankreich und die Schweiz. Bischof Ioann (Roschin) von Bogorodsk wurde zu seinem Vorsteher bestimmt und trägt von nun an den Titel „Bischof von Korsun und Westeuropa“. Aleksandr Volkov, Pressesprecher von Patriarch Kirill, erklärte, dies sei als Reaktion auf das Vorgehen Konstantinopels in der Ukraine zu verstehen. Für den Anspruch Konstantinopels, die „ganze Diaspora in Westeuropa und in anderen Teilen der Welt unter seine spirituelle Führung zu nehmen“, gebe es keine Grundlage.

Metropolit Ilarion, Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, bot außerdem den Gemeinden des aufgelösten Exarchats von Westeuropa des Ökumenischen Patriarchats Hilfe an. Sie „sollten ihr Schicksal selbst entscheiden“, betonte der Metropolit. Aber sollten sie sich an die ROK wenden, werde diese ihnen helfen.

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