Bulgarien: Besuch von Metropolit Ilarion erzeugt Spannungen im Hl. Synod der BOK

Die Bulgarische Orthodoxe Kirche (BOK) ist weiterhin uneinig, wie sie sich in der Ukraine-Frage positionieren soll. Die innerkirchlichen Spannungen traten anlässlich eines Besuchs von Metropolit Ilarion (Alfejev), dem Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, zutage. Während Metropolit Nikolai (Sevastianov) von Plovdiv für eine abwartende Haltung der BOK plädiert, drängen andere Bischöfe auf eine deutlichere Unterstützung Moskaus.

Offizieller Anlass von Ilarions Reise nach Bulgarien am 9. Oktober war seine Teilnahme an einer wissenschaftlichen Konferenz in Veliko Tarnovo. Doch davon wie von seinem Treffen mit dem bulgarischen Patriarchen Neofit (Dimitrov) erfuhr eine breitere Öffentlichkeit erst durch eine Erklärung von Metropolit Nikolai von Plovdiv am 10. Oktober auf der offiziellen Website der BOK.

Metropolit Nikolai, der als einer der einflussreichsten Metropoliten Bulgariens gilt, wollte mit seiner Erklärung sein Fernbleiben einer Begegnung mit Metropolit Ilarion begründen. Er wies darauf hin, dass es nicht üblich sei, dass der ganze Hl. Synod einen Metropoliten einer anderen Kirche empfängt, insbesondere wenn dieser nur eine bestimmte Eparchie besuche. Das Format eines solchen Treffens würde vor dem Hintergrund der ukrainischen Frage den Eindruck erwecken, dass der Hl. Synod der BOK sich dem Druck aus dem Ausland beuge. Somit gestand Nikolai zum ersten Mal öffentlich ein, dass die BOK unter massivem Druck von verschiedenen äußeren Faktoren steht. Als schlimmste Folge bezeichnete er die Spannungen innerhalb der einzelnen Kirchen. Er empfahl seiner Kirche, ihre Position erst nach den anderen orthodoxen Kirchen bekanntzumachen, die in den Diptychen vor ihr stehen. Mit Ironie bemerkte Nikolai, dass sowohl Konstantinopel als auch Moskau die BOK nicht zu einer Entscheidung drängen sollten, denn sie hätten die BOK in ihren Diptychen unter die letzten Plätze eingeordnet, obwohl sie schon im 10. Jh. autokephal gewesen sei. Ferner wies er darauf hin, dass die ukrainische Causa letztendlich die Frage aufwerfe, ob die anderen orthodoxen Christen ihre ukrainischen Brüder lieben, oder ob sie sich eher von politischen Motiven leiten lassen und bereit sind, aus einer administrativen Sache ein dogmatisches Problem zu machen.

Wie zu erwarten war, blieb eine Antwort der Metropoliten, die in dieser Frage Moskau unterstützen, nicht aus. Am 12. Oktober veröffentlichten Gavriil (Dinev) von Loveč, Joan (Ivanov) von Varna, Daniil (Nikolov) von Vidin und Serafim (Dinkov) von Nevrokop eine Deklaration, in der sie anmerkten, dass die Mitglieder des Hl. Synods direkt untereinander und nicht vor der Öffentlichkeit kommunizieren sollten. Das Treffen mit Ilarion habe keinen verpflichtenden Charakter gehabt. Die Rangordnung der Diptychen habe lediglich in der Liturgie Relevanz, ansonsten könne die BOK jederzeit ihre Meinung kundtun, da sie eine autokephale Kirche sei.

In einem Interview mit einer der meist gelesenen Zeitungen Bulgariens (24 časa) legte Metropolit Nikolai nach. Er kritisierte, dass die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) einige der bulgarischen Metropoliten, die Moskau unterstützen, demonstrativ hofiere. Diese Praxis bezeichnete er als imperiale Politik, die dem Prinzip „divide et impera“ folge. Die jetzige schwierige Lage sei ein Ergebnis der uneinsichtigen Politik der ROK, die der orthodoxen Kirche in der Ukraine schon längst ihre Selbständigkeit hätte geben sollen. Statt der Sorge um das Seelenheil hätten in der ukrainischen Frage politische und geostrategische Erwägungen eine zentrale Rolle eingenommen. Zudem vertrat Nikolai die Ansicht, dass diese wichtige Angelegenheit nicht nur unter den Mitgliedern des Hl. Synods debattiert werden sollte, denn schon längst sei eine breite Debatte in der gesamten BOK im Gang. Es sei wichtig, dass Kirchenvolk und Metropoliten jeweils ihre eigene Meinung äußern können. Er stellte klar, dass er mit seiner Erklärung keine Partei einnehme. Sein Anliegen sei, abzuwarten, die Würde der BOK zu verteidigen und auf keinen Fall den Vorwürfen Nahrung zu geben, die BOK sei eine Filiale anderer orthodoxer Kirchen. In dieser Hinsicht machte er eine interessante Bemerkung: „Vergessen Sie nicht: hinter der Frage der Autokephalie der Kirche in der Ukraine steht die Frage des Status quo der Kirche in Nordmakedonien. In der Art, wie die erste Frage gelöst wird, wird auch die zweite ihre Antwort finden.“ Diese Worte könnten erklären, warum Nikolai, den viele als Anwärter auf den Patriarchenthron betrachten, die Taktik des Hinauszögerns vorzieht: womöglich will er dadurch eine bessere Verhandlungsposition für die BOK in der Frage der Makedonischen Orthodoxen Kirche erreichen.

Vladislav Atanassov

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