Belarus: Amerikanischer Pastor Graham betet für Lukaschenka und Putin
Der prominente evangelikale Prediger Franklin Graham aus den USA ist für das zweitägige „Festival der Hoffnung“ nach Minsk gereist. Er war der Stargast des Festivals, das die Billy Graham Evangelistic Association, gegründet von Franklins 2018 verstorbenem Vater Billy, organisierte. Billy Graham war ein bekannter, politisch einflussreicher Prediger. Franklin Graham gilt als Vertrauter und Mitstreiter des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.
Am ersten Tag des Festivals, am 16. Mai, forderte Franklin Graham die Anwesenden auf, für den belarusischen Präsidenten Alexander Lukaschenka zu beten. Er berief sich darauf, dass in der Bibel stehe, man solle für die Machthabenden beten. Die aus Russland angereisten Gläubigen forderte er auf, für den russischen Präsidenten Vladimir Putin zu beten, während er für den amerikanischen Präsidenten beten würde. Im Gebet, das er sprach, nannte er Lukaschenka und „alle, die dieses Land regieren“. Damit erfüllte er sein Versprechen an Lukaschenka, das er ihm zuvor bei einem Treffen gegeben hatte.
In einem Interview mit dem belarusischen Medium News.by begeisterte sich Graham für die Sauberkeit in Belarus und insbesondere in Minsk sowie die Sicherheit, die mit der amerikanischen verglich. Er lobte Lukaschenka für die „unglaubliche Arbeit“, die er mit seiner Führung des Landes vollbracht habe. Dabei verwies er darauf, dass die Menschen sich immer beschwerten. Auch in den USA gebe es viele Menschen, die sich über Präsident Trump und andere politische Anführer beklagten. Das passiere jedem politischen Anführer, man müsse auf die Resultate schauen. In diesem Zusammenhang erwähnte er den Wiederaufbau von Minsk nach dem Zweiten Weltkrieg. Minsk habe unter Lukaschenka einen „erstaunlichen Fortschritt“ erlebt. In einem anderen Interview äußerte er die Ansicht, Lukaschenka könne den Krieg gegen die Ukraine stoppen. Im Vorfeld verbreiteten die Organisatoren zudem eine Botschaft Grahams, in der er der belarusischen Regierung für die Erlaubnis, zur Teilnahme am Festival einzureisen, dankte.
Für das Festival reisten auch Leiter protestantischer Kirchen aus Russland an. So trafen sich der leitende Bischof der russischen Kirche der Christen evangelischen Glaubens (Pfingstgemeinden), Eduard Grabovenko, und der Vorsitzende des russischen Bundes der Evangeliumschristen-Baptisten, Pjotr Mitskevitsch, mit Franklin Graham. Auch sie beteten beim Treffen für Alexander Lukaschenka. Franklin Graham und der stellvertretende Vorsitzende der Billy Graham Evangelistic Association, Viktor Gamm, wurden zudem von Metropolit Veniamin (Tupeko), dem Oberhaupt der Belarusischen Orthodoxen Kirche (BOK), empfangen. Sie sprachen über ihre gemeinsamen Einstellungen zu Fragen wie dem Schutz traditioneller Familienwerte, Moral und der christlichen Mission.
Das Dankesgebet zum Abschluss des zweiten Tags des Festivals sprach Presbyter Iosif Ratschkovskij von der Minsker Kirche der Evangeliumschristen-Baptisten. Dabei betete er für das belarusische Volk und dankte Gott für das Festival, seine Teilnehmenden und den Spezialgast. Zugleich dankte er der Regierung und dem Präsidenten, die die Durchführung des „Festivals der Hoffnung“ erlaubt hätten. Beobachter schlossen aus dieser Formulierung, dass das Festival nur dank der persönlichen Erlaubnis Lukaschenkas möglich gewesen sei.
Beim Besuch Grahams verwies Lukaschenka auf dessen gute Beziehungen zum US-Präsidenten und bat ihn, Trump seine besten Wünsche auszurichten. Weiter sollte Graham Trump sagen, dass er in Belarus „zuverlässige Freunde und Mitstreiter“ habe. Zudem stellte Lukaschenka den interkonfessionellen Frieden als Merkmal von Belarus dar und verwies auf die „breite Vertretung“ des Protestantismus in Belarus. Anhand der von Lukaschenka genannten, offenbar aktuellen Zahlen von 850 protestantischen Gemeinden, 20 Missionen und fünf Bildungseinrichtungen konnte die belarusische Aktivistengruppe Christliche Vision jedoch einen Rückgang des Protestantismus aufzeigen. Bis zur Neuregistrierung aller religiösen Organisationen waren in Belarus 931 Gemeinden, 21 Mission und fünf Bildungseinrichtungen registriert gewesen; diese offiziellen Zahlen waren bisher nicht aktualisiert worden. Die Neuregistrierung war aufgrund einer Anpassung des Religionsgesetzes nötig, die Frist zur Neuregistrierung aller religiösen Organisationen im Land lief bis Ende Juli 2025. Neben der Liquidierung von Gemeinden werden in Belarus auch Gläubige und Geistliche verfolgt, Geistliche werden verhaftet oder ausgewiesen. Exemplarisch ist der Fall der protestantischen Kirche Neues Leben, die 2023 liquidiert wurde.
Die Reaktionen unter christlichen Aktivisten waren gemischt. Ein früherer politischer Gefangener betrachtet die Veranstaltung, an der über Glauben und Frieden gesprochen wurde, angesichts des Ukraine-Kriegs und der Nähe des aktuellen belarusischen Regimes zum Aggressor Russland als „mächtigen christlichen Durchbruch“. Belarusische Protestanten hatten sich seit Jahren um einen Besuch Franklin Grahams bemüht, doch ihre Anfragen wurden immer wieder abgelehnt. Zudem protestierten prorussische und regimetreue Aktivisten und Medienschaffende gegen den Besuch. Denkbar scheint ein Zusammenhang mit den verstärkten Kontakten zwischen Lukaschenka und Trumps Sondergesandtem für Belarus, John Coale, der in den letzten 16 Monaten mehrfach nach Minsk reiste und die Freilassung von Dutzenden politischer Gefangener erwirkte. Im Gegenzug hob die US-Regierung einen Teil der Sanktionen gegen belarusische Staatsunternehmen auf. Andere Gläubige blickten mit gemischten Gefühlen auf das Festival, weil sie gezwungen waren, Lukaschenka zu loben, und sich als Demonstration benutzen zu lassen, dass die Situation für Gläubige in Belarus doch nicht so schlimm sei. (NÖK)

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