Ukraine: Religiöse Initiativen zu Evakuierungen aus Mariupol

Am 1. Mai ist es gelungen, Zivilisten aus dem belagerten Stahlwerk Azovstal in Mariupol zu evakuieren. Die UN bestätigte die Evakuierungsaktion, die vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und der UN in Abstimmung mit den Konfliktparteien koordiniert worden war. Frauen, Kinder und ältere Menschen, die sich seit fast zwei Monaten unter dramatischen Bedingungen in dem schwer beschädigten Stahlwerk aufgehalten hatten, konnten nach UN-Angaben Mariupol in Richtung Zaporizhzhja verlassen. In dem Werk aus Sowjetzeiten haben sich die letzten ukrainischen Verteidiger der massiv umkämpften Stadt verschanzt, in der Fabrikanlange halten sich aber auch zahlreiche Zivilisten auf.

Papst Franziskus hatte sich auf diplomatischem Weg mehrfach ohne Erfolg bei der russischen Regierung für einen humanitären Korridor zum Abzug der Zivilbevölkerung aus Mariupol eingesetzt, wie er der italienischen Zeitung Il Messagero gegenüber erklärte. Russland habe dem Vatikan alle drei Male zu verstehen gegeben, es werde nicht für den sicheren Abzug der Zivilisten garantieren. Das erste Mal hatte Papst Franziskus Ende März um einen humanitären Korridor gebeten. An der Operation hätten ein nicht genannter orthodoxer Bischof und der Apostolische Nuntius in der Ukraine, Erzbischof Visvaldas Kulbokas, teilnehmen sollen. Den zweiten Versuch unternahm er Mitte April, im Hinblick auf Ostern, aber auch damals habe Russland Sicherheitsgarantien verweigert. Beim dritten Versuch Ende April schlug er vor, mit einem Schiff des Vatikans Zivilisten aus Azovstal wegzubringen.

Im Vorfeld des orthodoxen Osterfests hatte sich auch Metropolit Onufrij (Berezovskij), das Oberhaupt der dem Moskauer Patriarchat unterstehenden Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), für eine Evakuierungsmission aus Mariupol eingesetzt. In einer Botschaft vom 21. April erklärte er seine „tiefe Trauer“ über die Ereignisse in der umkämpften Stadt und die Notwendigkeit, diejenigen, die in Mariupol geblieben und in eine humanitäre Katastrophe geraten seien, zu retten. Die Verwundeten bräuchten dringend medizinische Hilfe und Getötete müssten ihren Angehörigen übergeben werden. Daher sei die UOK „mit den Kräften ihres Episkopats, ihren Geistlichen, Mönchen, Nonnen und Gläubigen bereit, eine Gebetsprozession von der Stadt Orechova in der Region Zaporizhzhja zur Fabrik Azovstal in Mariupol zu organisieren“. Das Ziel sei, dringend benötigte Hilfe zu bringen und Zivilisten wegzubringen, zudem könnten verwundete Soldaten weggebracht und Gefallene mitgenommen werden. Zudem rief er zu einer Feuerpause während der orthodoxen Osterfeiertage vom 22. bis 24. April auf, um einen humanitären Korridor und die Prozession zu ermöglichen. Am 22. April hatte auch der Allukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen zur Rettung der im Stahlwerk eingeschlossenen Menschen aufgerufen. Er forderte „jeden russischen religiösen Akteur“, unabhängig von seiner religiösen Zugehörigkeit, auf, sich mit „öffentlichen oder nicht öffentlichen Bitten“ um die Evakuierung der Zivilisten und verwundeten Soldaten aus dem Stahlwerk an die russischen Behörden zu wenden.

Die jetzige erfolgreiche Evakuierung schreibt sich das Moskauer Patriarchat zugute. „Mit dem Segen von Patriarch Kirill“ sei Metropolit Mitrofan (Nikitin) von Horlivka und Slovjansk aus der Region Donezk an der Rettungsaktion beteiligt gewesen. Über 100 Personen, darunter Kinder, seien in zwei Gruppen aus dem Stahlwerk gebracht worden, wobei sich viele von ihnen zunächst gefürchtet hätten, das Fabrikgelände zu verlassen. Die Anwesenheit des Metropoliten der UOK, der die Evakuierten als einer der ersten empfangen habe, habe aber geholfen, die Angst zu überwinden und sich zur Evakuierung zu entschließen, teilte die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) mit. Vladimir Legojda, der Leiter der Synodalabteilung der ROK für die Beziehungen der Kirche mit der Gesellschaft und den Medien, bezeichnete den Abzug der Zivilisten als „wichtiges Resultat“ von Verhandlungen mit Beteiligung internationaler Organisationen. Er wies darauf hin, dass die ROK schon früher an Gefangenenaustauschen in dem Gebiet beteiligt gewesen sei. (NÖK)

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